Der Laos Blog

- Der Gewinner und Jung-Autor Jan-Hendrik Mautsch © Jan-Hendrik Mautsch / Handicap International
Als Gewinner des journalistischen Schreibwettbewerbes für Jugendliche von Handicap International und der taz, unternahm Jan-Hendrik Mautsch eine Reise durch Laos. Mit ihm unterwegs waren auch zwei Mitarbeiterinnen von Handicap International, ein Journalist der taz, eine Journalistin der dpa sowie ein Fotograf. Am Mittwoch den 13.10.2010 ging es vom Flughafen Frankfurt aus los und am Mittwoch den 27.10.2010 kam die Reisegruppe wieder zurück nach Deutschland.
Ziel dieser Reise war es, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort ein Bild über das vergessene Unrecht machen können und im Anschluss und währenddessen darüber berichten. Denn noch immer liegen Millionen von Blindgängern in Laos und bedrohen das Leben der Bevölkerung.
Im Blog kannst du deshalb nachlesen, was Jan-Hendrik in Laos erlebte. Er berichtete ausführlich von seiner Reise und beschreibt seine Eindrücke und Erfahrungen mit Land und Leuten.
Lest hier noch einmal die Wettbewerbstexte von Jan-Hendrik und den weiteren drei Gewinnerinnen.
Blogeintrag 12: Freitag 26-11-2010
Laos ein Resumée
Als ich im Mai dieses Jahres den Artikel verfasste, der mich nach Laos führen sollte, wusste ich nichts über das Land.
Hätte mir jemand eine Weltkarte gezeigt, ich hätte beim Stichwort „Laos“ auf Afrika oder Südamerika getippt.
Ein halbes Jahr später habe ich fast ganz Laos bereist. Mal ging es komfortabel mit einem chinesischen Propellerflugzeug nach Luang Prabang, mal mit dem Tuk Tuk durch die Hauptstadt Vientiane. Besonders hervorzuheben sind auch die Fahrt in den tiefsten Dschungel (siehe Blog 6) oder der Ritt auf den Elefanten (Blog 11).
Man könnte meinen, dass ich Laos kenne. Zumindest ein bisschen.
Das dachte ich bereits vor meiner Reise. Ein Blick bei Wikipedia.org sowie im Fischer Weltalmanach sprechen schließlich eine klare Sprache:
- Nur zwei Drittel der Männer und ein Drittel der Frauen über 15 Jahren können lesen und schreiben.
- Das Bruttonationaleinkommen lag 2008 bei 760 US-$ pro Einwohner. Der Durchschnitts-Deutsche verdiente im gleichen Jahr knapp das 56-fache nämlich 42 410 US-$.
- 2009 wurde eine Reisewarnung wegen der Beschaffungskriminalität im Zusammenhang mit dem Heroinkonsum der zunehmenden Stadtbevölkerung ausgegeben.
- Laos ist sozialistisch und hat ein Einparteiensystem. Alle politischen Gegner werden bekämpft.
Dazu kommt, dass große Teile durch Blindgänger verseucht sind (siehe auch Blogeintrag 2) und Laos damit den traurigen Rekord als „meistbombardiertes Land der Welt“ hält.
Was anderes sollte Laos also sein als ein bemitleidenswertes Dritte-Welt-Land?
Ich stellte mir ein Land voller Menschen vor, die traurig in ihren Hütten hocken. Menschen, die so dünn sind, dass man ihre Rippen sieht. Eben genau so wie die Menschen in den UNICEF-Flyern dargestellt werden.
Und es stimmt: Der Streubomben-Horror ist allgegenwärtig. Gerade für die Menschen in den abgelegenen Dörfern birgt die tägliche Suche nach Nahrung viele Gefahren. Jeder Schritt kann der letzte sein. Ich habe Menschen wie Phongsavath Manithong getroffen. Er war auf dem Weg zur Schule, es war sein 16. Geburtstag. Am Straßenrand lag eine Metallkugel. Er hob sie auf.
Nun ist er 19. Als er vor mir saß konnte er mich nicht sehen und mir auch nicht die Hand schütteln.
Durch den Unfall ist er erblindet und hat beide Unterarme verloren.
Trotzdem hat er seine Freude wiedergefunden und uns alle mit seiner Breakdance-Einlage überzeugt.
Zwei wirklich durch und durch fröhliche Zeitgenossen sind auch meine Freunde Souk und Somlith.
Als ich in Sepone ankam, war ich völlig kaputt von der 12-stündigen Hinfahrt. Dann fiel auch noch der Strom aus. Ich war total deprimiert. Kurz danach hörte ich jedoch draußen Menschen reden. Ich nahm meine Taschenlampe, um zu sehen was los war. Der Lichtkegel traf zwei junge Männer nur mit einem weißen Handtuch um die Hüften bekleidet. Doch sie lachten: Es waren Souk und Somlith. Nicht nur der Strom war weg, auch das Wasser. Souk und Somlith waren nach der Fahrt direkt duschen gegangen und standen jetzt im Trockenen.
Wir Deutschen hätten geflucht. Die beiden Laoten liefen draußen herum auf der Suche nach einer funktionsfähigen Dusche oder was auch immer. In jedem Fall hatten sie dabei eine Menge Spaß.
Souk und Somlith verdienen nicht viel Geld, zumindest für deutsche Verhältnisse. Sie bekommen 6 Dollar am Tag. In Laos ist das schon etwas, denn oft kostet ein Mittagessen nicht mehr als einen Dollar.
Es reicht für ein akzeptables Leben ohne Luxus.
Doch eines Tages erzählte Souk von seinen zwei Autos: Ein Geländewagen und ein Kleinbus. Beide waren nicht billig, denn sie mussten – wie fast alles in Laos – aus Thailand importiert werden. 20.000 Dollar pro Wagen hat er hingelegt. Das macht zusammen 40.000 Dollar.
Souk ist 25, verdient wie gesagt 6 Dollar am Tag. Das macht einen Jahresverdienst von knapp 2.000 Dollar.
Selbst wenn er seit seinem fünfzehnten Lebensjahr arbeitet und alles Geld gespart hätte, ist es eigentlich unmöglich, überhaupt ein Auto zu besitzen. Und Souk hat zwei!
Immer wieder spreche ich ihn offen auf Kriminalität und Korruption an. Ich frage ihn, ob er rotes Holz nach Vietnam schmuggelt.
„No, No“, lächelt er: „I’m just working very hard…”
Ich fand ein Land, in dem es das Leben kosten kann, seine Meinung kundzutun. Laos hat ein Einparteiensystem und wer nicht auf Kurs ist, der hat halt Pech gehabt.
Souk erzählt mir, als wir alleine sind, von einer Frau, die in seinem Dorf gelebt hat:
„Sie war immer sehr politisch engagiert und konnte nichts mit unseren Verhältnissen anfangen. Auf einmal war sie dann weg“.
Ich frage, ob er eine Ahnung hat, wo sie geblieben ist: „Vielleicht im Gefängnis für ein paar Jahre. Vielleicht auch tot. Wer weiß das schon?“
Auch wir hatten einen Beobachter dabei: „unseren Minister“, einen Vertreter des laotischen Außenministeriums. Eigentlich ist er ein total netter Kerl mit dem man super über Fast Food philosophieren konnte (siehe Blog 4). Ein Mann, der perfektes Englisch spricht in einem Land in dem für fast jeden R gleich L ist und manchmal einfach Silben weggelassen werden. Wenn also alles really nice ist, dann ist es für die Laoten lilly nei!
Wenn alle anderen laotische Musik im Autoradio hörten, dann drückte er seine In-Ear-Kopfhörer noch tiefer ins Ohr und hörte Songs wie „I like“ von der US-Sängerin Keri Hilson.
„Er war dabei, um uns zu kontrollieren. Wir sollten euch nichts über laotische Frauen erzählen“, erklärt Souk. Ich frage ihn, was ihm gedroht hätte, wenn er es getan hätte.
„Vielleicht ein, zwei Jahre Gefängnis. Das weiß man nie so genau in Laos“.
Ich kann nicht sagen, ob das alles stimmt was Souk mir erzählt hat. Ich weiß auch nicht, was es mit den laotischen Frauen auf sich hat. Eigentlich wirkte „der Minister“ immer sehr freundlich. Außerdem waren wir häufig alleine mit Souk und Somlith.
So hatten wir genug Zeit, um über alle möglichen Dinge zu sprechen. Doch vielleicht passt genau das zu diesem Land.
Überall hängen Hammer und Sichel Flaggen, aber wirklich sozialistisch ist hier niemand eingestellt.
Es wirkt alles sehr offen, sehr marktwirtschaftlich. Einzig die vielen Parteifunktionäre in Uniform erinnern uns immer wieder daran, wo wir uns befinden.
Einmal frage ich Somlith nach Demokratie in Laos.
„Das hat auch viele Nachteile. Schau doch mal nach Thailand. Da sterben Menschen bei Demonstrationen. Ob Demokratie wirklich so gut ist, weiß ich nicht.“, erklärt er.
Souk wirkte auf mich stets sehr weitdenkend, während Somlith manchmal ein wenig naiv agierte. Bei der gleichen Frage erzählte mir Souk so auch etwas völlig anderes:
„Wir dürften niemals so öffentlich demonstrieren. Klar, das hat auch viele Nachteile. Trotzdem wäre Meinungsfreiheit schon wünschenswert. Aber darüber brauche ich nicht nachdenken. Ich habe sowieso keine Wahl. Ich mache das Beste aus meinem Leben.“
Ich hake nach, ob er gerne einmal auswandern würde? „Nein, niemals. Ich will den Laoten helfen.“
Laos ein Paradies. Laos die Hölle. Laos die Freiheit. Laos das Gefängnis.
Auf jeden Fall ist Laos ein Land, dem derzeit noch geholfen werden muss. Noch immer liegen unzählige Blindgänger überall im ganzen Land und es wirkt als kämpfe Handicap International gegen Windmühlen. Die Bomben sind teilweise so versteckt, das manche vielleicht niemals gefunden werden. Bis irgendwann…
Trotzdem ist die Arbeit durchaus sinnvoll. Dank der Aufklärungs- und Räumungsarbeit haben Leute wie Phongsavath ihr Lachen wiedergefunden.
Man könnte meinen, dass ich Laos kenne. Doch nach der Reise kenne ich das Land noch weniger als vorher.
Gerade deswegen war es so fantastisch für mich. Ich komme wieder irgendwann, ganz bestimmt!
Blogeintrag 11: Mittwoch 10-11-2010
Luang Prabang erleben
Von Savannahket geht es morgens um 6:30 Uhr weiter nach Vientiane. Unterwegs passieren wir drei Verkehrskontrollen. Bisher war mir die Polizei nie aufgefallen und auch Verkehrsregeln schienen eine untergeordnete Rolle zu spielen.
Waren wir auf der Hinfahrt trotz 60km/h Limit noch mit 120km/h und mehr über die Straßen gebrettert, so schlichen wir nun mit 30km/h bis 50km/h über die Straße. "Wenn es regnet, führt die Polizei keine Kontrollen durch und da es gerade nicht regnet, müssen wir aufpassen", erklärt Souk.
Ansonsten konnte uns Sebastian mit einer Hommage an seine langen Haare unterhalten. Diese sind nun raspelkurz und da wird es Zeit sich an deren "Hauch von Mahagony", die "gesunde Eigenspannung" und deren "Fluffigkeit" zu erinnern.
In Vientiane angekommen begrüßt uns eine riesige Statue von Staatsgründer Mister Keyson, dessen Abbild auch von jedem Geldschein lächelt. Ich frage Souk, ob er Mister Keyson gut leiden kann. Er grinst: "In jedem Fall! Denn ohne ihn könnten wir nichts kaufen."Alle lachen, auch der Minister.
Vielleicht ist dieser Einparteienstaat manchmal doch liberaler, als man denkt.
In Vientiane angekommen eilt Christiane erstmal zu COPE (s.u.), da sie am nächsten Tag zurückfliegen möchte. Wir anderen ruhen uns im Hotel von der anstrengenden Fahrt aus. Abends essen wir alle in unserem Lieblingsrestaurant "Spirit House" direkt am Mekong mit Blick auf Thailand.
Am nächsten Tag fahren wir nachmittags zu "Cooperative Orthotic & Prosthetic Enterprise", kurz: COPE. Dort begegnen wir Kerryn, der australischen Projektkoordinatorin. Neben den vielen Sommersprossen fallen mir zuerst ihre Gehhilfen auf. Hat sie selber ein Handicap und kümmert sich deshalb um das Projekt?
Doch sie klärt mich auf: Es handelt sich nur um eine Sportverletzung. Im Informationszentrum von COPE werden Besucher über Streubomben und ihre aufgeklärt. Meist geschieht dies an Hand tragischer Schicksale.
Man kann aber auch ausprobieren, wie es sich anfühlt mit einer Prothese zu laufen oder im Rollstuhl zu fahren. Da humpelt Andreas schon mal über eine Brücke und hat danach höllische Knieschmerzen.
In der COPE-Werkstatt schauen wir uns die Prothesenherstellung an. Das Besondere: Die Prothesen bestehen zu großen Teilen aus recycelten Materialien. Häufig werden sogar alte Prothesen recycelt. Doch nicht nur Prothesen werden hergestellt. Die COPE-Werkstatt stellt auch Rollstühle und orthopädisches Schuhwerk her.
Am nächsten Morgen treffen wir auf den 19-jährigen Phonsavath, der COPE sehr gut kennt. Auch er ist Teil der Ban Advocates. Das bedeutet, dass auch er gegen Streubomben kämpft und über mögliche Folgen aufklärt. Aber es bedeutet auch, dass er ein Handicap hat. Es war sein 15. Geburtstag und er war auf dem Weg zur Schule. Die Submunition einer Streubombe lag am Straßenrand. Er wusste nicht, was es war. Nun steht er vor uns, doch er kann uns nicht sehen. Er begrüßt uns, doch kann uns nicht die Hand schütteln. Bei dem Unfall vor fünf Jahren ist er erblindet, hat beide Hände inklusive Handgelenke verloren.
Wir essen zusammen zu Mittag. Phonsavath löffelt seine Suppe genau wie alle anderen. Auf seinen Armstumpf ist eine starre Metallprothese gesetzt. Sie ist kein Handersatz, aber sie reicht aus, um einen Löffel zu halten.
Doch für seine Leidenschaft braucht er keine Prothese. Am Abend besuchen wir die Tanzgruppe Lao Bang Fai, ein Kollektiv aus körperlich sowie geistig behinderten und anderen Jugendlichen gleichen Alters. Wir erwarten ein paar leichte Tanzeinlagen.
Doch nach kurzem Dehnen dreht sich Phonsavath schon auf dem Kopf. Er macht eine Windmühle mit den Beinen.
Fantastisch!
So läuft der Hase in Laos
Heute machen wir uns auf, um das CBR-Programm anzuschauen. Was das ist, wissen wir selber nicht so genau und gerade deswegen sind wir auf kompetente Fachkräfte angewiesen.
Doch zuerst machen wir einen Abstecher zum Morgenmarkt in Sepone. Mehrere Dutzend Händler präsentieren dort ihre Ware in einer offenen Halle, die in etwa so groß ist wie eine Turnhalle. Von Pokemon-Figuren über T-Shirts, hin zu getrockneter Büffelhaut und frischem Fisch, gibt es hier alles. Manches sieht wirklich lecker aus, das rohe Fleisch mit hunderten Fliegen schreckt mich jedoch stark ab. Auch wenn Eva sicher ist, dass das Fleisch in Europa auch nicht besser behandelt wird.
Danach fahren wir zum örtlichen Krankenhaus. Dort lernen wir einen Arzt kennen, mit dem wir Patienten besuchen wollen. Wir halten vor einem der Häuser, das sich laostypisch an einer der Hauptstraßen befindet. Denn außer den großen Städten wie Vientiane haben laotische Dörfer kein richtiges Zentrum. Ihre Zentren sind die Hauptstraßen. Wir erkennen das Haus wieder. Unter demselben Haus haben wir bereits mit Ban-Advocat-Mitglied Chanthava Pothbouly gesprochen. Doch diesmal steht ein kleines Metallgestell mit einem Moskitonetz überzogen auf der Matte.
Der Ehemann von Chanthava Pothbouly hebt das Netz an und ein kleines Kind kommt zum Vorschein. Sie ist erst acht Jahre alt, doch bereits seit ihrem ersten Lebensjahr ist sie spastisch gelähmt. Der vermeintliche Arzt versucht ihre verschlungenen Beine auseinander zu zerren. Es gelingt nicht. Dies soll uns anscheinend demonstrieren, dass das Mädchen eine Behinderung hat. Sie schnappt nach Luft, jedes Mal erschrecke ich mich. Es klingt, als ob sie dehydriert, doch diese Atmung scheint normal zu sein. Ob das Kind auch eine geistige Behinderung hat, weiß der Arzt nicht wirklich. Christiane setzt sich nun zu dem kleinen Mädchen und spricht mit ihr. Die Kleine schaut sie starr an, sie zeigt keine weitere Reaktion. Man hört nur ihr lautes Atmen. Auch der Grund für die Lähmung ist schleierhaft: angeblich sei eine Malariamücke und das damit verbundene Fieber Schuld. Doch sicher ist der Arzt da nicht. Komisch...

- Der Kriegsinvalide und seine Enkelin ©Jan-Hendrik Mautsch/Handicap International
Wir fahren weiter. Diesmal zu einem 76-Jährigen Kriegsinvaliden. Er erzählt, wie er damals im geheimen Krieg auf Seiten der Laoten gekämpft hat. Er weiß ganz sicher, dass die Amerikaner bei Bodenkämpfen auf ihn geschossen haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass er seinen rechten Arm bei einem Luftangriff oder im Gefecht mit den Hmong verloren hat. Die Hmong sind ein Bergvolk aus China bzw. Nordlaos, die damals stellvertretend auf Seiten der Amerikaner gekämpft haben.
Die Amerikaner selbst waren an den Bodenkämpfen nicht oder nur in sehr geringer Anzahl beteiligt.
Er zeigt uns seine Verletzung: ihm fehlt der komplette linke Unterarm. Doch er will keine Prothese, die bringe nichts. Er sei die letzten 40 Jahre auch ohne ausgekommen. "Was die vom CBR-Projekt bei mir wollen, weiß ich auch nicht. Ich brauche nichts." Der vermeintliche Arzt sitzt hinter uns und lehnt sich auf einem roten Gartenstuhl zurück. Langsam wird uns klar, dass hier einiges schief läuft und der Mann gar kein Arzt ist. Aber was ist dann seine Aufgabe?
Wir begriffen, dass der Ausflug mit dem vermeintlichen Arzt keinen Sinn mehr machte. Auf Grund des Regens fiel auch der Besuch des Household Gardening Projekt ins Wasser. Die Straße gilt derzeit als unpassierbar. Ich hatte die Straße durch den Dschungel ins Roving-Gebiet bereits für unpassierbar gehalten, doch wie sieht dann die Straße zum Household Gardening aus? Dieser Ausfall ist sehr schade, da das Projekt durchaus Sinn zu machen scheint: Damit die Menschen kein Altmetall mehr sammeln müssen, wird ihnen gezeigt wie man Ackerbau betreibt. Besonderer Wert wird auf vitaminreiches Gemüse und Obst gelegt, wie zum Beispiel Kürbisse und Tomaten. Außerdem sollen auch Pflanzen angebaut werden, die bisher noch nicht in den Gebieten wachsen, aber trotzdem dank der guten Umweltbedingungen angepflanzt werden können. 30 Familien und 9 Dörfer nehmen bisher an dem Projekt teil. Laut Handicap International war die Nachfrage aber weit größer. Deshalb wurden Streubombenopfer, schwangere Frauen, Familien, die vom Metallsammeln abhängig sind und Familien mit Kindern unter 5 Jahren vorrangig ins Programm aufgenommen. Angeblich sollen die Teilnehmer restlos zufrieden gewesen sein. Ich hätte es gerne selbst gesehen.
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Blogeintrag 7: Mittwoch 20-10-2010
Tag 5: Ein BOMBENtag
5,4,3,2,1...
Im Gegensatz zum Clearing-Team, das wir gestern bei seiner Arbeit begleitet haben, wissen die Männer und Frauen vom Roving-Team immer genau, was sie erwartet. Trotzdem ist die Arbeit nicht ungefährlicher: Auch sie haben täglich mit Streubomben und anderen Blindgängern zu tun.
Der Unterschied: Die Roving-Teams durchsuchen ein Feld nicht komplett nach Bomben, sondern entschärfen nur einzelne, durch Zufall gefundene Blindgänger. Meist werden sie von der Bevölkerung auf diese hingewiesen. Doch damit fängt die Arbeit erst an. Oft liegen die Blindgänger in der Nähe von bewohnten Dörfern. Wenn der Abstand zwischen Blindgänger und Wohngegend zu gering ist, kann es passieren, dass bei der kontrollierten Sprengung auch Häuser durch herabfallende Metallteile zerstört werden. Deshalb wird das weitere Vorgehen streng mit der Bevölkerung abgesprochen. In der Regel wird die Bombe am Fundort gesprengt, da ein Transport zu gefährlich ist. Viele der Bomben reagieren trotz ihres Alters schon auf kleine Erschütterungen. So kann es auch schon einmal vorkommen, dass ein Dorf für eine Sprengung komplett evakuiert werden muss.

- MV30-Zünder einer DST- Bombe © Sebastian Bozada/ Handicap International
Eine junge Frau spricht durch ein Megafon. Ich erkenne sie wieder: Es ist eine der Bobmbenräumerinnen vom Vortag. Roving- und Clearing-Team arbeiten Hand in Hand - schließlich ähneln sich die Arbeitsabläufe schon sehr. Eine doppelte Ausbildung macht also Sinn und spart Geld. Keiner von uns versteht, was die Frau sagt, aber sie spricht direkt in Richtung Dschungel.
“Sie sagt, dass alle Leute aus dem Wald kommen sollen, da eine Bombe gesprengt wird”, erklärt unser Übersetzer Souk. Die Bewohner des Dorfes, die zuvor angelaufen kamen, um uns voller Neugier zu betrachten, kehren wieder in ihre Holzhütten zurück.
Auch die zwei Handicap International-Jeeps mit denen wir gekommen waren, fahren los. Ein Wagen nach rechts, ein anderer nach links. Nach gut 1000 Metern kommen beide zum Stehen. Sie riegeln die Straße für den Verkehr ab. Mehr als 20 Mopedfahrer stauen sich schon nach kurzer Zeit an beiden Enden der Straße.
Die Bewohner des Dorfes Salloykhao sind sich mit Handicap International einig: Die Bombe muss gesprengt werden, schließlich liegt diese mitten im Wald in unmittelbarer Nähe des Dorfes. Denn bei einer Bevölkerung, die sich vorwiegend durch das Sammeln von Blättern und kleiner Tiere ernährt, kann so die tägliche Nahrungssuche schnell tödlich enden.
Nun kommt ein junger Mann, der einen grauen Kasten trägt, welcher wiederum mit einem Draht verbunden ist in unsere Richtung. Der Draht wird immer länger. Er legt den Kasten unter eine Hütte, die auf Holzpfeilern gebaut ist. Dort warten wir bereits sehnsüchtig.
Ein Helfer hebt den Deckel des Kastens an - ein roter Knopf kommt zum Vorschein. Mein Finger zittert. Die Männer zählen auf laotisch runter - ein Mann übersetzt: "5, 4, 3, 2, 1..."
Mit solcher einer Detonation hätte ich nicht gerechnet. Doch Sprengmeister Kengkeno Boualiphavung schaut zufrieden. Für diese Explosion waren 200 Gramm Dynamit nötig gewesen. Wenig zuvor sind wir noch durch den Dschungel gestapft, wo uns nach einem kurzen Fußmarsch der MV 30 Zünder einer DST-Bombe präsentiert wurde.
Nun ist er komplett zerstört und kann niemanden mehr gefährden. Im Anschluss hatte noch taz-Journalist Andreas Zumach die Gelegenheit, ebenfalls auf den Auslöser zu drücken. Diesmal wurde eine 500 Pfund-Bombe gesprengt.
Wieder hallt der Knall durch die Wälder und schüttelt uns kräftig. Der Sprengmeister fragt, ob wir noch die "Big Bomb" sehen wollen. Für die Sprengung dieser Bombe sind 20 Kilogramm Dynamit notwendig. Außerdem könnten Teile des Dorfes zerstört werden. Diese Bombe wird heute also keinesfalls gesprengt. Während wir noch über die Antwort nachdenken, eilt Fotograf Sebastian voran. Diesmal ist der Weg in den Dschungel beschwerlicher. Zuvor mussten wir aufpassen, dass wir auf den kleinen, schlammigen Hügeln nicht ins Rutschen kamen. Nun bemerken wir, dass neben ein paar Ameisen auch noch andere Tiere durch den Dschungel kriechen, laufen und fliegen.
Der Sprengmeister geht voran, ich direkt hinterher. Plötzlich stoppt er: "Snake, Snake!" Er deutete auf einen Ast und ich erkenne nichts. Ich frage immer wieder: "Where?" Nun nimmt sich der Assistent einen Stock in die rechte Hand, in der linken Hand hält er noch immer seine Machete. Er stochert in den Ästen rum, endlich erkenne ich die Schlange. Da sie klein und giftgrün ist, sieht sie genau so aus wie die Blätter drumherum.

- Der Dschungel lebt © Sebastian Bozada/ Handicap International
Schwer zu sehen für ein ungeschultes Auge. "Die Schlange ist giftig, geht weg", ruft der Assistent. Er stochert weiter. Keiner versteht, warum er die Schlange wegscheuchen will, sie ist auf einem Ast in drei Metern Entfernung. Langsam werden wir nervös. Dann endlich die Erlösung: Der Assistent trifft die Schlange genau so, dass sie weit weg in den Dschungel fliegt.Es geht weiter auf unserem Pfad.
Der Weg ist ausgetreten, trotzdem muss der Assistent seine Machte einsetzen, um uns den Weg frei zu schneiden. Alles ist zugewachsen. "Autsch", bemerkt Sebastian, der im Muskelshirt durch den Wald läuft. "Ich wurde schon zum zweiten mal von einer Mücke in den Oberarm gebissen." Sabine, Eva, Christiane und ich zücken sogleich das Moskitospray. Sprühen es ins Gesicht, an den Hals und auf die Hände. Unsere ganz normale Moskitopanik.
Nun stehen wir vor der Big Bomb, einer weißen Phosphorbombe. Im Gegensatz zu den anderen beiden Trips in den Dschungel war die medizinische Assistentin diesmal beim Auto geblieben. Wäre die Bombe explodiert, wären wir alle qualvoll verbrannt. Da hätte niemand mehr helfen können.
Entsprechend mulmig wurde mir auch, als der Sprengmeister begann die kaum sichttbare Bombe freizugraben. Als wir ihn endlich zum Aufhören bewegen konnten, war ich umso erleichterter. Sebastians Mundwinkel dagegen rutschten nach unten.
Somlet war die Bombe an sich egal. Er hatte Panik vor dem Regenwurm, der auf der Bombe kroch. Wir anderen lachten nur über ihn. Als wir wieder aus dem Wald kommen, fordern Somlet und Souk uns auf, unsere Körper nach Blutegeln abzusuchen. Ein flüchtiger Blick und rein in den Jeep. Nach gut einer Stunde fängt Christiane sich an zu kratzen, sie spürt einen Schmerz.
Allen ist klar: Blutegelalarm. Der Fahrer hält an, wir Männer gehen aus dem Wagen. Es waren gleich zwei Blutegel, beide hatten bereits aufgehört sich ins Fleisch zu bohren. Sie lagen schon satt gefressen in ihrer Hose. Souk zückt ein Taschentuch, der Sprengmeister wickelt die zwei Blutegel darin ein und zündet alles zusammen an. Nun suchen alle gründlich ihre Körper ab, ganz besonders Somlet.
Im Auto erlaubt sich der Minister einen Spaß: er deutet auf Somlets linken Oberarm: "Blutegel!". Somlet erschrickt, springt auf und wir alle lachen. Der Arme. Er war als Kind in eine Gruppe Blutegel gefallen und hat seitdem großen Respekt vor den kleinen Tieren.
Am Nachmittag fuhren wir ins sogenannte UXO-Village. Dort gibt es Häuser, die auf entschärften Bomben gebaut sind, sowie Kuhglocken und Töpfe aus geschmolzenem Metall - ebenfalls von Bomben.
Doch viele Hauspfähle aus Metall sind mittlerweile durch Holz ersetzt, da normales Holz nicht so wertvoll ist wie Altmetall.
Die Bombe - Einkunft und Ruin zugleich...

- UXO-Village © Sebastian Bozada/ Handicap International
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Blogeintrag 6: Dienstag 19-10-2010
Jan-H.’s streng geheimer Blog:
Tag 4: Das erste Abenteuer!
Nachdem ich Sepone gestern als Dorf im tiefsten Dschungel beschrieben habe, muss ich mich heute korrigieren. Im Vergleich zu Keng Lin liegt Sepone sehr zentral in Laos und im Vergleich zum Weg nach Keng Lin war der Weg nach Sepone eine muntere Kaffeefahrt.
Der Trip nach Keng Lin entpuppte sich also als erstes richtiges Abenteuer.
Doch gestartet sind wir im Büro von Handicap International in Sepone. Dort trafen wir auf die Französin Violaine und die Irin Donna, mit denen wir bereits am Abend zuvor gespeist hatten. Als erstes gab es eine kleine Vorstellungsrunde der Mitarbeiter und einen kurzen Überblick über ihre Projekte.
Danach mussten wir unseren kleinen Hyundai Bus stehen lassen und auf einen Jeep umsteigen.
Wir fuhren wirklich in den tiefsten Dschungel, was sich auch an den ständig verschlechterten Straßenbelägen bemerkbar machte:
durchgehend asphaltiert -> asphaltiert mit Schlaglöchern -> roter Sand -> roter Sand mit ein paar größeren Wasserpfützen… und schließlich durchfuhren wir sogar zwei mindestens knietiefe Flüsse. Doch die Einheimischen schienen sich von den schlechten Straßenbedingungen, die vor allen Dingen während der Sommermonsunzeit entstehen, überhaupt nicht beeindrucken zu lassen.
Vor einem der Flüsse stauten sich viele Mopedfahrer. Im Fluss standen im Hintergrund nackte Kleinkinder, die badeten, davor größere Kinder, die spielten. Außerdem entdeckte ich einen leicht merkwürdigen Zeitgenossen, der uns sehr grimmig anguckte. Das Markante: Er saß auf einem großen Stein, während dieser vom Wasser umspült wurde. Wir fuhren einfach mitten durch den Fluss ohne Rücksicht auf Verluste.
Nun verstand ich auch, weshalb wir auf Offroadfahrzeuge umgestiegen waren. Das hier war wirklich Offroad, „Waterroad“ könnte man sagen. Zu großen Teilen fuhren wir auf dem früheren Ho-Chi-Minh Pfad, der wichtigen Versorgungsroute der Vietcong zwischen Nord- und Südvietnam, die auch durch Laos führte. Dieser war einer der Hauptgründe für das Bombardement der Amerikaner, da sie die Infrastruktur der Vietcong-Kämpfer zerstören wollten.

- Wer beobachtet wen? © Sebastian Bozada/ Handicap International
Auf dem Weg begegneten und viele Mopedfahrer mit kleinen, weißen Päckchen auf dem Gepäckträger. Der Inhalt: Seltenes rotes Holz. Dieses ist besonders begehrt in China. Für ein Päckchen, das locker auf jeden Gepäckträger passt, bekommen die Mopedfahrer rund 100$, eine ganze Menge in Laos. Rodungen der Bäume genau wie Handel mit dem Holz sind normalerweise in Laos untersagt. Doch die Mopedfahrer schaffen es trotzdem die wertvolle Fracht über die Grenze zu schmuggeln.
Der Trick: Sie fahren in einer Kolonne von Dutzenden Fahrzeugen zur Grenze und schmieren die Beamten. Ein Mopedfahrer aus der Gruppe wird festgenommen, damit die Behörden offiziell Erfolge vorzeigen können. Allerdings ist die Strafe um einiges geringer als der Gewinn, der mit der Beute gemacht wird. Am Ende wird das Geld dann aufgeteilt und so macht das Geschäft auch für den Festgenommenen Sinn.
Die Häuser am Straßenrand wurden immer einfacher. Waren es anfangs noch solide Holzhäuser, teilweise sogar auf Pfählen aus Stein gebaut, wurde das Holz - je weiter wir in den Dschungel fuhren - immer dünner. Man sah immer mehr Frauen am Straßenrand die am Reis stampfen waren, so wie in Afrika Hirse gestampft wird. Liefen anfangs noch viele abgemagerte Kühe rum, hatten die Menschen im Dschungel meist nur sehr dünne Hühner und Hängebauchschweine.
Als wir in Keng Lin eintrafen, gab es gleich Mittagessen. Eigentlich war mein Magen viel zu durchgeschüttelt von der Fahrt, doch die Aussicht beruhigte mich:
Wir saßen in einer kleinen, offenen Hütte direkt an einem riesigen, reißenden und wie immer in Laos rotbraunem Fluss, der sich zum Ende hin auf zwei Wasserfälle aufteilte. Überall waren Bäume und Berge zu sehen.
Sogar Sabine, die ja aus Bayern kommt, bestätigte mir, dass sie so etwas noch nie zuvor gesehen hat.
Im Anschluss haben wir das so genannte Bombenclearing besucht. Hierbei werden Felder systematisch und komplett von Streubomben befreit. Allerdings – je nach Verwendungszweck – nur bis zu einer bestimmten Bodentiefe. Das Feld in der Nähe von Keng Lin ist für Ackerbau vorgesehen. Nach den Gesetzen Laos reicht hierfür eine Bodentiefe von 25cm. Genau auf diese Tiefe sind die Suchgeräte der Arbeiter eingestellt. Seit dem 12.10 arbeiten die Bombenentschärfer auf dem Feld. Von 23.132m^2 sind bisher 2720m^2 geräumt. Normalerweise schaffen die Männer und Frauen je 120^m2 am Tag. Allerdings konnte an zwei Tagen auf Grund starker Regenfälle nicht gearbeitet werden.
Ein Bombensucher lässt seinen rund 1.000 Euro teuren Detektor hin und her gleiten. Er wirkt sehr angespannt, jeden Moment könnte sein Gerät anschlagen, doch heute passiert nichts. Nicht mal Blech findet der Sucher.
Wir müssen Abstand halten und dürfen immer nur zu viert auf das Feld, das in 14 quadratische gleichgroße Bereiche unterteilt ist. Zwischen den einzelnen Quadraten sind die Wege bereits geräumt, so können wir uns gefahrlos durch das Gebiet bewegen und den Arbeitern aus sicherer Entfernung zuschauen.
Bisher wurde „erst“ ein 37mm langes Artilleriegeschoss gefunden, doch überall lauern Bomben. Die Arbeit als Bombensucher – ein Leben im Ungewissen. Seitdem das Projekt läuft gab es allerdings glücklicherweise noch keinen einzigen Unfall.
Chanthava Pothbouly (53) hätte auch gerne so viel Glück gehabt. Sie sitzt unter ihrem auf Pfählen gebauten Haus. Dort hat sie Schutz vor dem Regen, der an die Hauswände klatscht und auf die Straße schlägt. Sie sitzt auf einer Matte, auf der es sich auch ein Dutzend Fliegen gemütlich gemacht. Um sie herum sitzen ebenfalls gut ein Dutzend Leute, vier davon machen sich Notizen, darunter zwei Journalisten. Chanthava versucht mit ihrem Rock ihr Handicap zu verdecken. Doch genau deswegen ist sie hier: um ihre Geschichte zu erzählen, die unmittelbar mit ihrem Handicap zu tun hat.
Vor 17 Jahren verlor Chanthava ihr rechtes Bein, als sie nach Bambussprossen grub. Dem Arzt war sofort klar, dass ihr Bein amputiert werden müsse. Doch die Operation und Nachbehandlung war teuer, ihre Familie musste viele Schulden machen. Erschwerend kam hinzu, dass sie nicht mehr arbeiten konnte und ihre sieben Kinder zu jung waren, um Geld zu verdienen.
Als ihre älteste Tochter 16 war begann diese paradoxerweise für UXO-Lao als Entminerin zu arbeiten und setzt sich somit täglich der Gefahr aus, die ihre Mutter ein Bein gekostet hat.
Doch es brachte ihr Geld. Genug Geld um die Schulden ihrer Mutter zu begleichen.
Es wirkt ein wenig wie im Zoo. Alle sind gekommen, um die Frau mit Handicap zu beobachten und ihr zuzuhören.
Doch genau das möchte sie. Seit einem Jahr ist sie Ban Advocat. Eine Gruppe von Streubombenopfern, die sich zusammengeschlossen hat, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Bei dieser Arbeit werden sie von Handicap International unterstützt. Doch die Arbeit ist unentgeltlich. Handicap International bildet die Streubombenopfer aus, damit sie in der Lage sind vor Publikum ihre Lebensgeschichte zu erzählen und organisiert diese Vorträge.
Wenig später wird es sehr dunkel in Laos, wie jeden Abend bereits ab 18 Uhr. Wir fahren zu einem Jungen. Er ist gerade mal 20, hat drei Finger der linken Hand, seinen rechten Unterarm und sein rechtes Auge verloren, während er Metall sammeln war. Altmetall, das in Laos sehr wenig Geld bringt, aber für viele ist dies die einzige Alternative. Allerdings sind viele Altmetalle Überreste von Bomben und somit häufig gefährlich, manchmal tödlich. Dieser Junge ist gerade mal 1 Jahr älter als ich. Der Regen prasselt nun noch doller. Wieder sitzen wir unter seinem Haus. Doch dieses Haus ist von einer Wiese umgeben. Ich kann nicht zum Jungen schauen, betrachte die Wiese. Souk zeigt auf das nasse Gras: „Siehst du die Löcher da vorne? Das sind alles Bombenkrater“. Ich staune und bin geschockt.
Zum Abschluss bringt uns der Vater des Jungen auf einem sehr merkwürdigen Gefährt nach Hause. Vorne ist eine Art Rasenmähermotor und hinten ein offener Anhänger auf dem wir alle Platz nehmen. Der Regen knallt heftig auf uns. Doch wir lachen wieder. Leider ist der Regen zu stark um Fotos zu machen.
Der verletzte Junge könnte die Kamera nicht einmal in Händen halten…
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Blogeintrag 5: Sonntag 17-10-2010
Der lange Weg nach Sepone
Erstmal: Entschuldigung an alle Leser, der Blog hinkt nun 2 Tage hinterher. Hier in Sepone gibt es leider nur im Office vom Handicap International Internet.
Bereits gestern Abend war klar, dass es heute in unserem kleinen Hyundai Minibus sehr voll werden würde, denn neben Andreas Zumach(taz), Sabine Zintel, Eva Maria Fischer(beide Handicap International) und Sebastian Bozada (Fotograf), sind in Vientiane noch Somlet(der nette Kerl, dessen Name mir beim letzten Blogeintrag entfallen war) und Souk(ebenfalls ein sehr netter Kerl) sowie unser Fahrer(nur "unser Fahrer" genannt) sowie ein Mitarbeiter des Außenministeriums(von uns nur der Minister genannt) dazugekommen. Letzterer ist ein leicht merkwürdiger, aber trotzdem sehr netter Zeitgenosse, dessen Aufgabe es ist, dass die laotischen Handicap International Mitarbeiter nur regierungskonforme Aussagen treffen. Allerdings kann man mit ihm auch prima von Fastfood schwärmen. Er liebt Kentucky Fried Chicken und hat mir erzählt, dass sich mit Pizzahut vor drei Monaten die bisher erste internationale Fastfoodkette nach Vientiane getraut hat. In Vientiane werde ich nächste Woche also nicht verhungern.
Doch jetzt zum Reisetag: am Anfang der Fahrt hielten wir plötzlich direkt auf einer Brücke an. Als absoluter Asien-Neuling glaubte ich sie hielten, um uns den schönen Ausblick zu zeigen: Links und rechts riesige bewaldete Berge, die teilweise im Nebel lagen, unter uns einer der vielen riesigen braunroten Flüsse.
Doch statt die Augen schweifen zu lassen, warfen sie eine Zigarette in den Fluss. Schließlich müsse erst einmal der Flussgott zufrieden gestellt werden. Na dann: Ein rauchender Flussgott, da kann ja nichts mehr schief gehen. So hatten wir auch Glück mit der Nationalstraße 13 von Vientiane nach Savannaketh, denn diese war durchgehend asphaltiert. Allerdings gab es auch Probleme: überall auf der Straße waren Schlaglöcher und alle hundert Meter standen Herden von Ziegen, Schafen und Hunden auf der Straße. So kamen wir trotz Höchstgeschwindigkeiten von 120km/h nur sehr langsam voran.
Noch schlimmer wurde es von Savannaketh nach Sepone: Die Straße bestand nur noch aus Schlaglöchern, ab 18Uhr wurde es dunkel und so machte sich der Regen noch stärker bemerkbar. Ich dachte, dass wir niemals ankommen würden. Doch wir wussten uns gut zu unterhalten. Gemeinsamkeiten vom Freistaat Bayern und Laos wurden mir als Hamburger verdeutlicht: "Boah, ein riesiger Berg", staunte ich. Doch Sabine entgegnete: "Der ist höchstens 500 Meter hoch. Davon haben wir in Bayern jede Menge."
Die Bayern sind eben so ein ganz eigenes Volk und haben anscheinend mehr Gemeinsamkeiten mit den Laoten als mit uns Norddeutschen. Ab und zu beschlich mich während der Fahrt ein mulmiges Gefühl: Die Menschen sitzen in ihren Häusern und gucken Fernsehen. Genau wie in Deutschland. Doch die Häuser haben keine Fenster, und alle sitzen auf dem Boden. Und das in einem Malaria- und Denguegebiet.
In Sepone angekommen dann der nächste Schock: Sepone ist mitten im Dschungel. Für laotische Verhältnisse leben hier mit 2000 Menschen viele Leute. In Deutschland wäre das Ganze wohl eher ein Dorf, selbst in Bayern.
Das Handynetz ist mittelprächtig ausgebaut, aber W-Lan, wie im Rest des Landes, gibt es hier natürlich nicht. Wir sind in einem Guesthouse untergebracht. In meinem Zimmer wimmelt es zwar nicht vor Viechern, aber so sicher wie in Vientiane kann man sich leider nicht fühlen. So kam erstes Heimweh auf, was nach Anrufen zu Hause anfangs nur noch schlimmer wurde.
Nachdem die Stimmung auf dem Tiefpunkt war, fiel urplötzlich auch noch der Strom aus. Ich glaubte zuerst, dass ich der Einzige mit dem Problem sei, doch ein Blick auf den Flur und ein Gespräch mit Eva offenbarten, dass es den Anderen ähnlich ging. Nun war meine Hauptsorge wieder Licht zu bekommen. So tippe ich gerade im Dunkeln auf meinem Ipod Touch diesen Eintrag und sehe den Akku zur neige gehen...
5 Minuten später: Licht ist wieder da, die Sehnsucht nach der Familie zu Hause auch. Doch irgendwann beschleichen mich Glücksgefühle und für diese Erkenntnis hat sich der Trip nach Laos schon gelohnt: Es ist schön zu wissen, dass man zu Hause von der besten Familie der Welt vermisst wird.
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Blogeintrag 4: Donnerstag 14-10-2010
Metropolenleben in Vientiane














































