Lesung an der Rütli-Hauptschule in Berlin

Neuköllner Schülerinnen und Schüler bereiten Ban Advocates einen herzlichen Empfang  

Am 26.06.2009 besuchten die vierzehn-jährige Irakerin Ayat und ihr Vater die zehnten Klassen der Berliner Heinrich-Heine-Oberschule - „ausgerechnet“ im „sozialen Brennpunkt“ Berlin-Neukölln, „ausgerechnet“ am Campus Rütli.

Die Rütli-Hauptschule ist durch einen Hilferuf der Lehrer 2006 bundesweit bekannt geworden. Seither steht der Name für Jugendgewalt und das Versagen des Bildungssystems. Der "Campus Rütli" ist nun ein neues Bildungskonzept, initiiert von der Stiftung "Zukunft Berlin" und dem Neuköllner Bezirksamt, dem Quadratkilometer Bildung der Freudenberg-Stiftung umgesetzt vom Quartiersmanagement Reuterplatz. Die Vision ist kühn: Ein gemeinsamer Sozialraum soll geschaffen werden, der die Kinder und Jugendlichen von der Kita bis zur Jobsuche begleitet. Kern des Campus Rütli ist ein Zusammenschluss der Rütli-Hauptschule, der Heinrich-Heine-Realschule und der Franz-Schubert-Grundschule zu einer Gemeinschaftsschule. Das Albert-Schweitzer-Gymnasium, mehrere Kitas und Freizeiteinrichtungen, die Volkshochschule Neukölln, die Musikschule und der Sozialpädagogische Dienst komplettieren das Bündnis.

Drei zehnte Klassen – sie stehen kurz vor ihrem Abschluss – haben sich dicht gedrängt in einem Unterrichtsraum versammelt, als sich die Tür öffnet und Ayat zusammen mit ihrem Vater hereinkommt: ein junges Mädchen, gestützt auf ein Gehgerärt, Gesicht und Hände von Brandnarben überzogen, der Vater, ein stattlicher Herr im Anzug, der sehr aufrecht geht und strahlt, die Schülerinnen und Schüler mit einer großzügigen Geste begrüßt. Sofort schlägt den Gästen aus dem Irak die Sympathie der Jugendlichen entgegen, sofort ist eine große Nähe da, als Vater und Tochter zu erzählen beginnen, was sie hergebracht hat.

Sie gehören zu den Ban Advocates und sind wegen der Berliner Konferenz gegen Streubomben in der Stadt. Zu engagierten Aktivisten gegen die verbrecherische Waffe sind sie als selber schwer Betroffene geworden.

Ayat erzählt, wie sie vier Geschwister und einen Cousin verlor, als das Haus ihrer Familie 2003 von den Alliierten bombardiert wurde. Ihr Körper wurde zu 65% verbrannt, und sie musste über 50 Operationen über sich ergehen lassen. Auf die Frage, was er gefühlt habe, als er sein Haus verwüstet und seine Kinder schwer verwundet oder tot vorgefunden habe, beginnt Ayats Vater zu erzählen, und viele im Klassenraum fangen an zu weinen. Merkwürdigerweise lächelt er dabei immer noch, und darüber unterhalten wir uns heute, keine zwei Wochen später, als ich einige der Jugendlichen, ihre Klassenlehrerin Frau Kayser und den interkulturellen Mediatoren, Herrn Dr. Al Sadi wieder treffe.

Sundus, eine der Schülerinnen, sagt, das sei erst mal ein bisschen eigenartig gewesen, dass er immer noch gelächelt habe, während er so traurig war. „Aber ich habe ihn verstanden. Er wollte, dass das Leben weitergeht, für seine Tochter, für seine Frau und seine anderen Kinder. Das ist eine ganz große Stärke, es ist vorbildlich, wenn jemand das schafft. Wir nennen es 'sabar' (arb. Geduld) – egal wie hart das Leben zu dir ist, es soll weiter gehen, du erlaubst dir nicht, in Trauer zu versinken. Auch seine Tochter hatte so eine besondere Ausstrahlung, wie ein Licht. Trotz dieser Narben ist sie schön. Ich habe ihr das auch gesagt. Es ist unglaublich, wie stark sie ist, dass sie Kinderärztin werden will...“.

Abdullah war wie wir alle sehr bewegt gewesen von dem, was Vater und Tochter erzählten, und schlug vor, dass wir gemeinsam die Toten und ihre Angehörigen mit dem Totengebet, der Sure Al Fathia, ehren und trösten. Das taten wir, und es war richtig, auch für die unter uns, die keine Gläubigen sind. Abdullah betont noch einmal, wie sehr er die Haltung der Beiden bewundert habe. Ajtan pflichtet ihm bei und erinnert daran, dass der Vater sagte: „'Ihr seht hier meinen Körper vor euch, lebendig und intakt, aber meine Seele ist tot.' - Er hat keine Tränen mehr, aber er lebt für seine Tochter. Und aus ihr wird bestimmt was, da bin ich ganz sicher.“

„Das alles war etwas ganz Besonderes für uns“, findet Merve. „Das Thema war sehr hart. Aber es war trotzdem interessant. Es war das erste Mal, dass eine Autorin zu uns gekommen ist. Und wir konnten wirklich begreifen, was Krieg bedeutet, als wir Menschen kennenlernten, die das erlebt haben. Auch die Infos, die uns hinterher die Vertreterin von Handicap International über die Streubomben gegeben hat, fand ich gut.“

Frau Kayser, die Klassenlehrerin, zeigt sich beeindruckt davon, dass Ayats Vater keinen Groll und keine Verbitterung zeigte. Er war offen auf die  Rütli-Schülerinnen und Schülern zugegangen und hatte sie alle als seine Kinder bezeichnet. „Und die Amerikaner hat er differenziert betrachtet“, sagt Dr. Al Saadi. „Er hat geschildert, wie barbarisch die Soldaten gehaust haben, aber den Einsatz der amerikanischen Ärzte für seine Kinder unterstrichen.“

Sundus kommt noch einmal auf Ayat zurück, auf deren besondere Stärke: „Sie ist so interessiert und selbstsicher auf uns zugegangen, obwohl wir alle gesund sind, alles jederzeit tun können, was sie nicht kann. Sie könnte Komplexe haben – hat sie aber nicht ...“

Ich glaube, liebe „Zehnte“ vom Campus Rütli, das liegt nicht zuletzt auch an euch und daran, wie warmherzig und respektvoll ihr sie empfangen habt – das soll euch erst mal jemand nachmachen!

Sophia Deeg, Autorin von „Streubomben: Tod im Maisfeld“ 

Stand: 07/2009

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